Wie jedes Jahr wurde auch dieses Jahr wieder der Plagiarius verliehen, ein Preis für besonders dreiste Fälle von Produktpiraterie und -plagiarismus. Wie jedes Jahr ist es erstaunlich, wie offensichtlich die Übernahmen sind, und mit welcher Sicherheit die Designdiebe sich an fremdem geistigem Eigentum bedienen.
In einem meiner Hobbys, dem Sammeln von Füllfederhaltern, ist es ein offenes Geheimnis, wie fleißig insbesondere einige chinesische Firmen sich an europäischen und japanischen Designs bedienen, um sehr ähnliche Füller zu einem niedrigeren Preis zu produzieren. Ob man diese Füller kaufen sollte, ist in Sammlerkreisen äußerst umstritten – manche sehen in ihnen eine Demokratisierung des Marktes, die ihnen erlaubt, für verhältnismäßig wenig Geld Modelle zu erwerben, die als Original mehrere hundert Euro kosten würden, andere betrachten sie als geistigen Diebstahl, der die eigene Sammlung entwertet und der auf keinen Fall unterstützt werden sollte.
Um Produktpiraterie soll es hier aber nicht gehen, denn ich finde einen ganz anderen Aspekt des Plagiarius 2026 bemerkenswert und bedenklich. Ich meine das Bild, mit dem der regelrechte Tsunami von Imitationen illustriert wird, der den Hersteller bestimmter Besteck-Sets heimsucht. Um folgendes Bild geht es mir:

Sonderpreis „Plagiats-Tsunami“ – Besteck-Sets „KLIKK“ und „KLIKK POCKET“. Quelle: Aktion Plagiarius e. V. – Vorne das Original, darüber als Tsunami die Fälschungen.
Eine starke Idee, deren Gestaltung die offenbar nicht auszurottenden Plagiate dieser Besteck-Sets eindrücklich darstellt und ein wenig an Hokusais bekanntes Ukiyo-e Die große Welle vor Kanagawa erinnert:

Warum also ist das Bild, das der Plagiarius e. V. erstellt hat, problematisch? Wegen dieses Satzes auf der Website des Plagiarius 2026: „Tsunami-Preis: Plagiate einzeln fotografiert, Welle mit KI (Google Gemini 2.5) generiert“. Die einzelnen Bestandteile des Bildes sind also menschliche Schöpfungen, ihre Anordnung aber ist zumindest teilweise maschinengeneriert.
Dass generative künstliche Intelligenzen häufig mit riesigen Sammlungen gestohlener, das heißt nicht lizensierter, Werke trainiert wurden, ist nicht zu leugnen. Auch lässt sich nicht leugnen, dass sie nichts wirklich Neues schaffen können: Sie sind Remix-Maschinen, die bereits Existierendes verformen und in neue Kontexte setzen können – an diesem Punkt setzen die Verteidiger der künstlichen Intelligenzen häufig an, um zu erklären, menschengemachte Kunst sei doch auch nichts anderes als das Rekombinieren von Einflüssen und bereits Gesehenem.
Lässt man diese Verteidigung gelten, ist die Verwendung von generativer künstlicher Intelligenz durch den Plagiarius e. V. unproblematisch. Sieht man in den Bildern, die ChatGPT, Google Gemini und wie sie alle heißen, generieren, aber vor allem Imitationen menschengemachter Kunst, erhält der Einsatz einer KI gerade durch einen Verein, der sich der Bekämpfung von Produktpiraterie verschrieben hat, einen unangenehmen Beigeschmack: Geistiger Diebstahl scheint unproblematisch zu sein, solange er nicht greifbar ist. Ob das im Sinne des Erfinders ist?